Claudia Klučarić

alive von Claudia Klučarić aus dem Katalog Claudia Klučarić, publiziert anläßlich der Ausstellung "Miriam Bajtala, Swetlana Heger, Claudia Klučarić" in der Galerie im Traklhaus, Salzburg und im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, Bregenz 2005





alive
Das Mädchen mit den Schwefelachseln

Ich erarbeite verschiedene "Module" für eine - je nach gesetztem Schwerpunkt - im Ergebnis andere und erweiterbare Rauminstallation. Diese Rauminstallation wandelt sich und wächst, verändert sich kontinuierlich. Ich habe in mein Atelier einen "Raum im Raum" eingebaut, der Basis und Teil der Arbeit ist bzw. in dem ich diese Arbeit umsetze - eine Cella (3,6 m breit, 4 m lang, 2,90 m hoch) mit 2 fensterähnlichen und einer türartigen Öffnung.

Zeichnungen, auch Wandzeichnungen/Wandmalerei und Fotoarbeiten sind ebenso Teil dieser wechselnden Rauminstallationen wie Objekte und Videos und dem Hörspiel verwandte Soundcollagen oder meine Kommunikation mit dem Raum - so bezeichne ich mein persönliches Agieren/Position finden bzw. einnehmen innerhalb desselben. Wesentlich sind der Prozeß, der quasi unter Ausschluß der Öffentlichkeit geschieht und dessen permanente und umfassende Dokumentation (auch als Basis für weiterführende Arbeiten) bzw. dessen punktuelle Translokation (und eventuelle Transformation) in den öffentlichen Raum. Die gefilmten und fotografierten Ab-Bilder des Prozesses und seiner Zwischenstadien, sowie das gesammelte Tonmaterial bewahren wie die entstehenden Zeichnungen (die als Richtungsweiser für die Weiterarbeit innerhalb der Cella, aber auch zur Dokumentation dienen) ein Eigenleben jenseits des Raumquaders selbst. Einerseits gibt es demnach den in ständiger Veränderung befindlichen Raum, andererseits die "Standbilder" desselben, die sich verselbständigen und ihre eigenen Wege gehen. Damit meine ich, daß die Ergebnisse des Prozesses im Raum unabhängig von ihm ebenso zu einem Video führen können wie zu einem Hörspiel oder einer Serie von Zeichnungen oder solitären Objekten. Letztlich finden diese Arbeiten vielleicht wieder zurück in den Raum und werden Teil der fortlaufenden Entwicklung.


Zur Illustration meiner Arbeitsweise:

Anfangs dachte ich, sobald die Cella fertig gebaut wäre, würde ich sie umgehend weiß ausmalen und "loslegen" - ich konnte es kaum erwarten, dieser Sehnsucht nach einem anderen Raum, die mich seit Jahren beschäftigt, nachzugehen. Dann stand ich wie angewurzelt vor ihm und spürte, daß eine vorsichtige Herangehensweise nötig ist. Ich gehe prinzipiell zwar stringent vor, erarbeite etwa ein Konzept, bin aber möglichst offen dafür, was darüber hinaus geht - was jenseits der auf der Verstandesebene zu treffenden Entscheidungen liegt. Der "Raum im Raum" sitzt in meinem Rücken, während ich dies schreibe, und hat sein Eigenleben. Er ist für mich wie ein großes, derzeit schlafendes Tier, das Raum beansprucht innerhalb meines Seins und dennoch auch Raum schafft, diesen für Wichtiges bereit hält. Mittlerweile ist der Boden weiß lackiert, die Wände allerdings sind noch immer beigebraun wie die Bodenplatten, aus denen sie gefertigt sind und die Fugen zwischen ihnen sind verspachtelt und fein verschliffen und erinnern an Narben auf einer Haut. Der Sand, den ich in einer 10 cm dicken Schicht auf den Boden aufbrachte und der Prozeß des Trockens - ich muß die eineinhalb Tonnen Sand mit dem Heißluftföhn trocknen, um die Bausubstanz des Hauses nicht zu gefährden - wurde bereits Teil der Videodokumentation. Diese ständig entstehenden Bilder sind wesentliches Basismaterial für Weiteres. Während ich noch den gelieferten Sand vom Gehsteig ins Haus schaufelte und ich mir Möglichkeiten überlegte, ihn trocken zu bekommen, wurde mir klar, zu allererst muß ich Glasscherben auf dem Boden auslegen, nur kleine Zwischenräume freilassend, um mich dann innerhalb des Raumes zu bewegen, barfuß mir einen Weg und einen Platz suchend. Ich sammelte brauchbare Flaschen, reinigte sie, entfernte die Etiketten und zerschlug sie umsichtig, um möglichst mittelgroße Scherben zu erzeugen. Diese lagen dann mit all den zu kleinen Scherben und unbrauchbaren Flaschenhälsen in Bottichen und warteten darauf, vom Splittermus gereinigt zu werden. Auch dieses bloßhändige Glasscherbenwaschen filmte ich parallel zum Tun. Als die Scherben dann lagen und ich innerhalb ihrer meinen Platz gefunden hatte, folgte ich dem Impuls zu kläffen. Wie ein junger Hund - mehr oder weniger überzeugend mein Revier verteidigend wie auch zum (Mit-)Spielen verführen wollend...
Claudia Klučarić

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